5/25/2016

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Weil du fragst, ich schreibe zur Zeit wenig, aber kontinuierlich. Wie du weisst, bleibt wenig Zeit dafür und lässt es sich aus dem Alltag auch nicht wegdenken. Der Auftrag zu einer Arbeit mit Schrift kommt von einer respektierten Buchgestalterin, die vor einiger Zeit eine eigene Schrift nach gegensätzlich ausgerichteten Kriterien entwickelt hat, damit sie am Ende in verschiedenen uns vertrauten Formen möglichst gut funktioniert; eigentlich dafür, dass man sie in gedruckter, eventuell in projizierter Form oder ganz einfach am Bildschirm lesen kann. Dazu fallen mir beispielhaft eine Handvoll gefundener Texte ein, zu den täglichen Aktivitäten Lesen, Schreiben und Veröffentlichen, wie sie Hand in Hand gehen und auch nicht getrennt zu denken sind, zu dem was wir mehr oder weniger irgendwie alle täglich tun. Ich denke, man könnte Beschreibungen zu den Texten in so einer Schrift auch auf Stoff veröffentlichen, in einem Raum ausbreiten, danach aufrollen, in einer Ecke abstellen, nach und nach ein Stück davon abschneiden und wieder andere, anders verwendbare Objekte daraus produzieren lassen, wie eine Tasche oder einen Behälter für ein Buch. Mir kommt das nicht so sehr anders vor als das, was wir so und so täglich mehr oder weniger alle irgendwie machen, beobachten und fühlen. So könnte man am Ende eine gute Tasche herausbringen, in die man alles mögliche hineintun und mit sich tragen kann.

4/22/2016

Ohne Titel (Halbes Wiener Kastenfenster)

Ein Vorhang ist eine relativ große vertikale Fläche im Verhältnis zum Raum, in dem er vorkommt und zu den Personen, die sich im Raum vorfinden. Er ist üblicherweise grösser als die Öffnung in der Wand, also grösser als der Ausschnitt vom Dahinter vor dem der Vorhang auf- und zugezogen wird. Dabei hängt er, fällt er auf immer wieder unterschiedliche Weise von oben nach unten im rechten Winkel vor der Architektur, die den Raum herstellt. Direkt von vorne trifft Licht auf ihn, vergleichbar wie auf ein gemaltes Bild. Es dringt durch sein Material hindurch auf die andere Seite dahinter; eine Erscheinung von der man in dem Moment, in dem man den Vorhang direkt von vorne betrachtet, annehmen kann, dass man sie auf seiner Rückseite beobachtet. Gerafft, gebunden, geformt und fallend verändert der Vorhang den Lichteinfall von draussen in den Raum und auf diese Weise die Stimmungen und Beziehungen zwischen allen Elementen innerhalb und sich selbst. Das und die Tatsache, dass auch der Vorhang sich mit der Zeit und mit allen Elementen im Raum vor ihm und hinter ihm kontinuierlich verändert, bringt seine natürlichen Eigenschaften ins Spiel und lässt so einen Abstand zur Beschreibung, zur Handschrift und zu den Versuchen, diese zu vermeiden, entstehen.

Constanze Schweiger, Untitled (Halbes Wiener Kastenfenster), 2016
Curcuma and paprika on canvas, 120 × 135 cm
Part of the exhibition Schneidig#1

1935 Gertrude Stein

"Ich mag das Gefühl von Wörtern die tun was sie wollen". So wie kleine Geräusche entstehen, wenn sich die Hände auf dem Papier hin und her bewegen, wenn sie sich vortasten zur nächsten Ecke, die Seite greifen, über die Seite streichen. Was also können die Wörter tun, was können die Hände tun und wie reagiert das Papier. Abhängig vom Winkel, in dem die Hände zum Papier stehen während sie es berühren, ändern sich die Geräusche, die durch die vielen kleinen Bewegungen der Hände auf dem Papier entstehen. Es steht, dass "Wörter das Gefühl haben das zu enthalten worin sie sich aufhalten". Ich mag, wie sich das anfühlt. Und "das Gefühl haben daß sie sich bewegen und Bewegen anzeigen und Bewegung in ihnen drin existieren spüren." Während sich die Hände auf dem Papier bewegen, während sie auf das Papier Druck ausüben, spüren sie, wie rau die Oberfläche ist, wie sie sich trocken und warm anfühlt. Sie spüren, wie die Rauheit der Oberfläche die Bewegung der Fingerkuppen auf dem Papier bremst. Dabei scheint das Papier die Bewegungen wie Feuchtigkeit in seine Oberfläche aufzunehmen und auf eine völlig andere Weise, als Geräusche, als eine Art Rauschen oder langgezogenes, flaches Rascheln, wieder zurückzugeben. Ich lese, "daß das erreicht worden ist eine interessante Sache daß das durch den Druck erreicht worden ist der auf sie ausgeübt wurde ausgeübt auf diese Wörter die zu uns kamen wie sie waren und wie sie noch immer sind doch haben sie jetzt eine völlig andere Bewegung in sich." Ich mag es, wie sich das jetzt anfühlt; das langgezogene Rascheln, das beim Berühren des trockenen, rauen Papiers entsteht und das Lesen der Wörter, die Gertrude Stein in gleichmässigen Wiederholungen über den Text angeordnet hat und den Druck, der auf sie ausgeübt wurde, während ich mich immer wieder in dem was ich lese verliere.

On Gertrude Stein's lecture series Erzählen, German edition translated by Ernst Jandl, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1971. Original edition: “Narration. Four lectures by Gertrude Stein”, The University of Chicago Press, 1935

4/11/2016

2014 Tavi Gevinson

Für 60 Dollar kann man sich ein Sweatshirt kaufen, auf dem steht "Girls at Night on the Internet" – im Internet. So eines trägt Tavi Gevinson auf einem Foto von Annie Leibovitz, das an einem der Tage im vergangenen Jahr, an dem sie die Fotografien für den Pirelli-Kalender 2016 aufnahm, anscheinend hinter den Kulissen entstanden ist. Gevinson nennt das Kleidungsstück an dieser Stelle "Seele in Sweatshirt-Form". Wenige Klicks weiter, an einer anderen Stelle, auf einer anderen Seite, vielleicht ein Jahr vor dem Shooting veröffentlicht, schreibt sie "I started a blog when I was 11, and every day after school, I came home and took photos of my outfits for it." Solche Bilder fühlen sich für sie nicht wie Selbstportraits an, eher wie das Nachspielen von vorgestellten Figuren, die sie begeistern. Für die tatsächliche Dauer eines Tagebuchs, das sich unter anderem in eine Reihe von Blogeinträgen fortsetzt, würde sie ihre Handschrift ändern, sie würde ihre Haare färben, neue Poster in ihrem Zimmer aufhängen, sich auf eine knappe Auswahl ihrer Garderobe und ihrer Musiksammlung beschränken, eine neue Route für ihren Schulweg nehmen. Auch heute noch will sie sicher sein, dass die ästhetischen Details eines Ereignisses gut zusammenpassen, wenn sie sie später in einem ihrer Rookie-Editorials beschreibt, um sich dabei die Frage zu stellen: "Isn’t life the real thing itself? No." Eher seien es Filme, führt sie die Überlegung fort, die das Leben real machen, weil sie Gefühle, Farben, Bewegungen, menschliches Verhalten etc. aufzeichnen und in den Gedanken und Erinnerungen der betrachtenden Öffentlichkeit weiterleben lassen. Sogenannte movie moments, selbst entworfen, produziert, dokumentiert und veröffentlicht, um seinen, ihren Platz in die Welt einzuformen.

On Tavi Gevinson's Editor's Letter, Issue 40: First Person, on: RookieMag, December 2014

4/08/2016

1964 Yoko Ono

Grapefruitgelb, quadratisch, ungefähr so groß wie ein kleiner Stapel Kacheln liegt es vor mir am Tisch. In einer Serie von Anleitungen für temporäre Kunstwerke schlägt Yoko Ono vor, eine Leinwand oder ein bereits fertiggestelltes gemaltes Bild mit einer brennenden Zigarette anzuzünden. "See the smoke movement." Das Smoke Painting endet dann, wenn Keilrahmen und Leinwand vollständig verbrannt sind. Es besteht für die Dauer, in der seine kleinsten Teile aufsteigen. Etwas ähnliches steht im Umschlag; dort fordert Ono auf, das Buch mit dieser Anleitung und vielen weiteren nach dem Lesen zu verbrennen. Und John Lennon kommentiert im darauf folgenden Absatz: "This is the greatest book I've ever burned."

The artist book Grapefruit by Yoko Ono was originally published by her own imprint Wunternaum Press in Tokyo in 1964. For this Ono wrote the title – "Grapefruit" – by hand on each cover. Its second edition came out through Simon & Schuster in New York in 1970 and includes the above mentioned note by John Lennon. In 2000 it was complemented by Yoko Ono's suggestion to burn the book after reading.

4/04/2016

2015 Hannah Black

Der Warteraum ist voll, darauf war ich eingestimmt. Die Beine zum Lesen überkreuzt, das Heft senkrecht auf den Oberschenkel aufgestellt, mit Daumen und Zeigefinger halte ich mich jeweils an einer Buchhälfte fest und lasse die Unterarme dabei durch ihr eigenes Gewicht nach unten sinken. Hannah Black schreibt hier, es gäbe immer noch Versuche beziehungsfähige Roboter zu entwickeln. Weil menschliche Beziehungen aber arbeitsintensiv und gefährlich sind und weil sie aus vielen rätselhaften Beiträgen bestehen, würden sich diese Roboter nicht sehr bewähren. Man hätte ihnen die Form von Frauen, Haustieren, Dienern und die Form des Schreibens gegeben; ob die aufgezählten Kategorien etwas gemeinsam haben oder nicht, bleibt offen.

On Hannah Black's essay “Social Life”, in: Texte zur Kunst, Heft 98: Media, June 2015

3/05/2016

Dinge, die

Vorhang ... Absurd pathetische Form ... Bild ... im Aufheben am schönsten. ... hinter dessen Blende die Dinge faulen können zu Kunst ... Das was sie vorstellt und das was sie darstellt ... um sie allen anderen auszusetzen. (Excerpts from the book f by Jutta Koether, 1987, that where accompanying the exhibition Dinge, die)

Dinge, die exhibition view by Thomas Ries, 2016
Found textile (Barbara Post) stretched on frame