4/15/2016

1935 Gertrude Stein

"Ich mag das Gefühl von Wörtern die tun was sie wollen". So wie kleine Geräusche entstehen, wenn sich die Hände auf dem Papier hin und her bewegen, wenn sie sich vortasten zur nächsten Ecke, die Seite greifen, über die Seite streichen. Was also können die Wörter tun, was können die Hände tun und wie reagiert das Papier. Abhängig vom Winkel, in dem die Hände zum Papier stehen während sie es berühren, ändern sich die Geräusche, die durch die vielen kleinen Bewegungen der Hände auf dem Papier entstehen. Es steht, dass "Wörter das Gefühl haben das zu enthalten worin sie sich aufhalten". Ich mag, wie sich das anfühlt. Und "das Gefühl haben daß sie sich bewegen und Bewegen anzeigen und Bewegung in ihnen drin existieren spüren." Während sich die Hände auf dem Papier bewegen, während sie auf das Papier Druck ausüben, spüren sie, wie rau die Oberfläche ist, wie sie sich trocken und warm anfühlt. Sie spüren, wie die Rauheit der Oberfläche die Bewegung der Fingerkuppen auf dem Papier bremst. Dabei scheint das Papier die Bewegungen wie Flüssigkeit in seine Oberfläche aufzunehmen und auf eine völlig andere Weise, als Geräusche, als eine Art Rauschen oder langgezogenes, flaches Rascheln, wieder zurückzugeben. Ich lese, "daß das erreicht worden ist eine interessante Sache daß das durch den Druck erreicht worden ist der auf sie ausgeübt wurde ausgeübt auf diese Wörter die zu uns kamen wie sie waren und wie sie noch immer sind doch haben sie jetzt eine völlig andere Bewegung in sich." Ich mag es, wie sich das jetzt anfühlt; das langgezogene Rascheln, das beim Berühren des trockenen, rauen Papiers entsteht und das Lesen der Wörter, die Gertrude Stein in gleichmäßigen Wiederholungen über den Text angeordnet hat und den Druck, der auf sie ausgeübt wurde, während ich mich immer wieder in dem was ich lese verliere.

Gertrude Stein's Erzählen consists of four historic lectures to American students at the University of Chicago in 1934 and 1935. The original publication “Narration. Four lectures by Gertrude Stein” was published by the University's Press in the same year. 35 years later it was transferred into German by the Austrian poet Ernst Jandl and published by Suhrkamp in 1971 as part of the bibliophilic series Bibliothek Suhrkamp.

Gertrude Stein, Erzählen, übertragen von Ernst Jandl, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1971

4/11/2016

2014 Tavi Gevinson

Für 60 Dollar kann man sich ein Sweatshirt kaufen, auf dem steht "Girls at Night on the Internet" – im Internet. So eines trägt Tavi Gevinson auf einem Foto von Annie Leibovitz, das, wie ich hier lese, an einem der Tage im vergangenen Jahr, an dem sie die Fotografien für den Pirelli-Kalender 2016 aufnahm, hinter den Kulissen entstanden ist. Gevinson nennt das Kleidungsstück an der Stelle "Seele in Sweatshirt-Form". Wenige Klicks weiter, an einer anderen Stelle, auf einer anderen Seite, vielleicht ein Jahr vor dem Shooting veröffentlicht, schreibt sie: "I started a blog when I was 11, and every day after school, I came home and took photos of my outfits for it." Für die Dauer eines Tagebuchs würde sie ihre Handschrift ändern, sie würde ihre Haare färben, neue Poster in ihrem Zimmer aufhängen, sich auf eine Auswahl ihrer Garderobe und ihrer Musiksammlung beschränken, eine neue Route für ihren Schulweg nehmen, und das alles in einer Reihe von Blogeinträgen festhalten. Sie fragt: "Isn’t life the real thing itself?" Nein, setzt sie fort. Eher seien es Filme, die das Leben real machen, weil sie Gefühle, Farben, Bewegungen oder menschliches Verhalten aufzeichnen und in den Gedanken und Erinnerungen der betrachtenden Öffentlichkeit weiterleben lassen. Sogenannte movie moments. Selbst entworfen, produziert, aufgezeichnet und veröffentlicht, um sie nachts in die Welt im Internet einzutragen.

Tavi Gevinson's "Editor's Letter" on First Person in December 2014 is a digital publication on the American online teen magazine Rookie. Gevinson became known for her early fashion blog Style Rookie, which she started at the age of eleven. In three years the emphasis of the blog shifted from photos of expressive, experimental outfits and commentary on fashion trends to extensive writing on pop culture and feminist discussion. In September 2011, at the age of fifteen, Gevinson decided to stop writing primarily about fashion and founded Rookie. In 2016 she became twenty.

Tavi Gevinson, "Editor's Letter", www.rookiemag.com, Issue 40: First Person, 2014

4/08/2016

1964 Yoko Ono

Grapefruitgelb, quadratisch, ungefähr so groß wie ein kleiner Stapel Kacheln liegt es vor mir am Tisch. In einer Serie von Anleitungen für temporäre Kunstwerke schlägt Yoko Ono vor, eine Leinwand oder ein bereits fertiggestelltes gemaltes Bild mit einer brennenden Zigarette anzuzünden. "See the smoke movement." Das Smoke Painting endet dann, wenn Keilrahmen und Leinwand vollständig verbrannt sind. Es besteht für die Dauer, in der seine kleinsten Teile aufsteigen. Etwas ähnliches steht im Umschlag; dort fordert Ono auf, das Buch mit dieser Anleitung und vielen weiteren nach dem Lesen zu verbrennen. Und John Lennon kommentiert im darauf folgenden Absatz: "This is the greatest book I've ever burned."

The artist book Grapefruit by Yoko Ono is a commercially produced artist book with a very high print-run. It was originally published by her own imprint Wunternaum Press in Tokyo in 1964. For this Ono wrote the title "Grapefruit" individually by hand on each cover. Its second edition came out through Simon & Schuster in New York in 1970 and already includes the above mentioned note by John Lennon. In 2000 it was complemented by Yoko Ono's suggestion to burn the book after reading.

Yoko Ono, Grapefruit, New York: Simon & Schuster, 2000 

4/04/2016

2015 Hannah Black

Wie vermutet ist der Warteraum voll. Die Beine sind zum Lesen überkreuzt, das Heft senkrecht auf den Oberschenkel aufgestellt. Mit Daumen und Zeigefinger halte ich mich jeweils an einer Magazinhälfte fest und lasse dabei die Unterarme mit ihrem eigenen Gewicht nach unten sinken. Hannah Black schreibt hier, es gäbe immer noch Versuche beziehungsfähige Roboter zu entwickeln. Weil menschliche Beziehungen aber arbeitsintensiv und gefährlich sind und weil sie aus vielen rätselhaften Beiträgen bestehen, würden sich diese Roboter nicht sehr bewähren. Man hätte ihnen die Form von Frauen, von Haustieren, von Dienern und die Form des Schreibens gegeben; ob die aufgezählten Kategorien etwas gemeinsam haben oder nicht, bleibt hier offen.

Hannah Black is an English artist and author interested in the condition of being bodied and the registration of reality, world history, and personal history in narration. Her essay “Social Life” was published in the German contemporary art magazine Texte zur Kunst, in the 2015 issue on Media.

Hannah Black, "Social Life“, Texte zur Kunst, Issue 98: Media, 2015 

4/01/2016

Ohne Titel (Halbes Wiener Kastenfenster)

Ein Vorhang ist eine relativ große vertikale Fläche im Verhältnis zum Raum, in dem er vorkommt und zu den Personen, die sich im Raum vorfinden. Er ist üblicherweise grösser als die Öffnung in der Wand, also grösser als der Ausschnitt vom Dahinter, vor dem der Vorhang auf- und zugezogen wird. Dabei hängt er, fällt er in Falten von oben nach unten, im rechten Winkel zu der Architektur, die den Raum herstellt. Direkt von vorne trifft Licht auf ihn, vergleichbar wie auf ein gemaltes Bild. Es dringt durch sein Material hindurch auf die andere Seite dahinter; eine Erscheinung von der man in dem Moment, in dem man den Vorhang direkt von vorne betrachtet, annehmen kann, dass man sie auf seiner Rückseite beobachtet. Gerafft, gebunden, geformt und fallend verändert der Vorhang den Lichteinfall von draussen in den Raum und auf diese Weise die Stimmungen und Beziehungen zwischen den Elementen innerhalb und sich selbst. Das und die Tatsache, dass sich auch der Vorhang mit der Zeit und mit allen Elementen im Raum kontinuierlich verändert, bringt seine natürlichen Eigenschaften ins Spiel und lässt so einen Abstand zur Beschreibung, zur Handschrift und zu den Versuchen, diese zu vermeiden, entstehen.
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A curtain is a relatively large, vertical surface, in relation to the room in which it is hanging, and to the persons who are inside the room. It is usually larger than the opening in the wall, larger than the cutout of what stands behind, of what is to be covered and unveiled by the curtain. In doing so, it dangles, it falls top down, perpendicular to the architecture that builds the room. Light illuminates the curtain, as if it would be a painting. It seeps right through the material to the other side behind it; a phenomenon one might assume, while head-on looking at the curtain, to observe on its reverse side. Folded, tied, shaped, and falling, the curtain has an effect on the light falling into the room, and in this way it changes the moods and relationships between all elements inside. This and the fact that a curtain, like all other elements in a room, changes continuously with time, brings its natural qualities into play and creates distance to its description, to the process of writing, to expression, and to the experiment of avoiding expression.

Constanze Schweiger, Untitled (Halbes Wiener Kastenfenster), 2016
Curcuma and paprika on canvas, 120 × 135 cm
Part of the exhibition Schneidig#1

3/31/2016

Untitled (convey Regular, convey Regular Italic)

Weil du fragst – meistens bleibt wenig Zeit für das Schreiben, genauso gut lässt es sich aus dem Alltag auch nicht wegdenken. Der Auftrag zu einer Arbeit mit Schrift kommt von einer österreichischen Buchgestalterin. Sie hat vor einiger Zeit eine Schrift entwickelt, die nach gegensätzlich Kriterien ausgerichtet ist, um in verschiedenen Umsetzungen möglichst gut lesbar zu sein; Offset- oder Laser-gedruckt, eventuell projiziert oder ganz einfach am Bildschirm. Dazu fallen mir einige Texte ein, die mit den täglich anfallenden Aktivitäten Lesen, Schreiben und Veröffentlichen in Verbindung stehen, wie sie Hand in Hand gehen und nicht getrennt zu denken sind, wie wir sie mehr oder weniger irgendwie alle täglich tun. Ich stelle mir vor, man könnte Beschreibungen zu den Texten in dieser Schrift auf Stoff veröffentlichen, in einem Raum ausbreiten, danach aufrollen, in einer Ecke abstellen, nach und nach ein Stück davon abschneiden und wieder andere, anders verwendbare Objekte daraus produzieren lassen, eine Tasche oder ein Behältnis für ein Buch. Mir kommt das nicht so sehr anders vor als das, was wir so und so täglich mehr oder weniger alle irgendwie machen, beobachten und fühlen. So könnte man am Ende Behälter daraus herstellen, in die man alles mögliche oder einfach Bücher hineintun und mit sich tragen kann.
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Because you asked – actually there is not much time for writing, while one can not think of a day without it. The assignment of an artwork involving typography came from an Austrian book designer, who some time ago, developed a font family on opposed criteria. It is designed for versatile applications and works homogeneously in various common formats and media; printed in offset or with an office printer, possibly projected or simply on the screen. A few texts that relate to the daily activities of reading, writing, and publishing come to my mind; how they go hand in hand, as they are inseparable today, like one practices them more or less continuously. I figure one could write descriptions of these text sources and print them in the mentioned font on fabric, disperse the fabric in the exhibition space, then roll it up, deposit it in some corner, gradually cut of parts, and produce other, differently destined objects like a tote bag or repository for a book. It does not seem so different to what we all so and so, more or less somehow do, observe, and feel. In the end, one could fabricate containers into which you can put anything or just books you want to carry with you.


3/05/2016

Dinge, die

Vorhang ... Absurd pathetische Form ... Bild ... im Aufheben am schönsten. ... hinter dessen Blende die Dinge faulen können zu Kunst ... Das was sie vorstellt und das was sie darstellt ... um sie allen anderen auszusetzen. (Excerpts from the book f by Jutta Koether, 1987, that where accompanying the exhibition Dinge, die)

Dinge, die Exhibition, Pinacoteca, Wien, 2016. Foto: Thomas Ries
Found textile (Barbara Post) stretched on frame 

2/29/2016

2016 Christophe Lemaire

“The best for the most for the least.” It was said that Christophe Lemaire picked up on Charles and Ray Eames' famous thoughts in an interview September 2016 on the launch of his latest collection with Uniqlo. Originaly the Eames were referring with their pithy sentence to William Morris and his wish not to "want art for a few; any more than education for a few; or freedom for a few."

Lemaire's Men collections somehow remind one on the great style of socialist writer and designer William Morris. Now I'd say, even better, with Lemaire Arts and Crafts goes Mod … for a few coy and cool that at least romanticize on socialism and democracy? Outfits, contrived and fabricated carefully into wardrobe pieces for the ones that take a little bit of distance, as the designer puts it himself.


Lemaire, Men Spring–Sumer 2017. Music: Witch, No Time, 1973 (Can’t You Hear Me?, Now-Again Records, 2016)

2/21/2016

1860s William Morris

In a publication by Catherine McDermott (Professor of Design at Kingston University in London and now director of the Cooper-Hewitt, National Design Museum in New York) on tradition and style in British fashion (Octopus Publishing Group Ltd, London 2002) one can find a photograph of the English designer, craftsman and socialist writer William Morris taken in the 1860s where he sits in a garden on a stack of wooden planks, encircled by different sorts of large scale textiles folded and nested beside him. McDermott finds in Morris a worthy example of the up to this day remaining middle-class English male disregard for fashion. "[His] look proclaims that one's personal values are more important than fashion," consequently opposed to the standards of the immaculate Victorian gentleman of wealth and respectability. We see him wear a loose-fitting wool suit and unstarched shirt, creasy plain trousers, practical and comfortable looking outdoor shoes, long ungroomed hair and beard – scruffy, disheveled but highly politicized like the creating and thinking man himself. In a later period of his life he adopted what McDermott calls a "more extreme version of dress" compiled from indigo-dyed shirts and a suit of blue serge, which later became the antetype uniform of a defined revolutionary.