2/26/2017

1984 Friederike Mayröcker

Wenn ich mich frage, was ich da mache, finde ich es komisch, wie eben diese Fixierpunkte, in einer Reihe gesehen, am Ende durcheinander wirken. Zwischen Tastatur und Magen lese ich bei Friederike Mayröcker, "Diese elliptischen Gespräche sind eine Bodenfalte in die einer fällt". Wenn er geht und dabei spricht, um sich daran zu erinnern, an das Gehen und was gesprochen wurde, um danach zu greifen – "oberhalb seines Kopfes das fadenziehende Licht greift" – dann ist das Fallen, Straucheln wie ein Prädikat. "Man muss damit nicht nur lange gehen, sondern sich mit diesem Stück Poesie lange auseinandersetzen, wenn man es geschrieben hat, man muss lange korrigieren, feilen, Korrekturen von Korrekturen machen, aber vor allem muss man sehr geduldig sein : so ein Stück Text arbeitet ja nach der Fertigstellung weiter[…]" Man muss es ganz für sich allein ruhen lassen, es liegen lassen, es rasten lassen, wie Teigmasse, meint sie. Sie versucht visuelle Wahrnehmungserfahrungen und ihre direkte oder indirekte Umsetzung in Sprache zu veranschaulichen. Demnach fantasiert sie etwas Bildliches und denkt dazu etwas Sprachliches, das sie später mehrmals umformt und im Verlauf mit der Maschine fixiert. Ich lese also Friederike Mayröcker zwischen Tastatur und Magen, dazwischen beuge ich mich über den Text um einen Satz zu fixieren. Ich lese den Satz oder einen Teil aus dem Text, lese teilweise laut, dann korrigiere ich das Fixierte ein wenig und lese wieder oder ich suche den Punkt im Text, den ich während dem Fixieren gelassen habe.

Seit 1984 versammelt Friederike Mayröcker zusammen mit dem Suhrkamp Verlag alle drei bis vier Jahre in einem aktuellen Band der Reihe der Magischen Blätter eine Auswahl an kurzen Prosatexten zu den Gründen des Schreibens und des Lebens.

Friederike Mayröcker, Magische Blätter I, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1984

2/23/2017

1966 Alison Knowles

The Big Book von Alison Knowles war genau das: ein Buch. Nur war es etwa so groß wie ein sehr kleines Haus. Dieses Buch bestand also aus acht sehr großen, über Scharniere miteinander verbundenen Seiten, um die man gehen, sie bewegen, durch sie hindurch steigen und zwischen denen man Zeit verbringen konnte. Es befanden sich dort diverse nützliche Dinge und Annehmlichkeiten wie elektrisches Licht, ein Herd, auf dem man Kaffee kochen konnte, eine Toilette, ein Telefon, ein Fenster, das sich öffnen und schliessen ließ, ein Stück Wiese, eine Bibliothek oder ein Gästebuch. An einer bestimmten Stelle auf einer der Seiten konnte man „Enter“ lesen, auf einer anderen „Smoking Permitted in This Area Only“. Sonst aber waren die verschiedenen Texturen der diversen Oberflächen aus denen sich alles zusammensetzte der eigentliche Text im Buch. Weil The Big Book so konstruiert war, dass man es leicht in zwei Holzkisten verpacken konnte, wurde es 1966 in New York von Something Else Press veröffentlicht und innerhalb von drei Jahren an mehreren Orten in der Welt ausgestellt. Mit jedem Mal, mit jedem Ortswechsel, mit jeder Berührung löste sich etwas von dem sehr großen Buch bis es schliesslich nicht mehr von alleine aufgerichtet im Raum stehen konnte.

The Big Book by Alison Knowles is an expansive book sculpture, which got published as a regular book release in 1966 by Something Else Press, an early New York publisher of concrete poetry and other works by Fluxus artists.

Alison Knowles, The Big Book, New York: Something Else Press, 1966